Die Hände

Mein Weg zum Möbelbau war nicht der geradlinigste und doch im Rückblick schlüssig. Meine Hände schienen schon immer in diese Richtung zu weisen, wollten schaffen, erschaffen - Schnitzen, Silberschmieden, Messerbau - die Nerven der Eltern und Nachbarn wurden auf die Probe gestellt. Und doch fehlte der Rahmen, die Richtung. Ich suchte einen weiteren Gesichtskreis, einen Ausguck, um diese Richtung zu bestimmen. Das führte mich an die Hochschule für Philosophie in München. Ich genoß dort das Versunken-sein in Büchern und Gedanken, das ewige in-Frage-stellen. Und doch, auch dort fehlte etwas: eben der materielle Boden unter den Füßen, greifbares, Werk der Hände - Handwerk.

Das schien sie zu sein, die Richtung - einmal im Kreis - und sie mündete, durch eine Reihe von Zufällen, in einer Schule für Möbelbau in Kanada. Mein Lehrer dort, Robert van Norman, ist ein Meister seines Handwerks. Er selber lernte unter James Krenov, einem der einflussreichsten Möbelbauer des 20. Jahrhunderts, dieser wiederum bei Carl Malmsteen in Schweden. Was ich an dieser Schule fand war eine kompromisslose Suche nach Qualität, ein gesundes Mißtrauen gegenüber Neuem um seiner Selbst Willen und vor allem die Überzeugung, dass die menschliche Hand jeder Maschine an Präzision und Freiheit im Ausdruck überlegen ist. Die Maschine führt aus, sie sucht nicht. Sie stellt weder Fragen, noch gibt sie Antworten. Das Suchen und Fragen, ob in Handwerk oder Philosophie, ist etwas menschliches - und nie führt es zu letztgültigen Antworten. Es ist etwas universell menschliches und als solches übersteigt es den Einzelnen. Er wird Teil einer langen Tradition, einer Suche  - nach Antworten, nach Qualität, nach Schönheit.

Die Werkzeuge

So viel Wert wird oft auf das Werkzeug gelegt - und zurecht, erst das richtige Werkzeug macht die Arbeit der Hände möglich. Und doch, wenn der Hobel, das Stemmeisen tun was sie sollen - verschwinden sie! Sie werden zu einem Teil des Körpers, feinste Nuancen werden durch sie spürbar: die Härte des Holzes, der Verlauf der Maserung, aber auch der feine Radius eines Bauteils, eine schimmernd glatte Oberfläche oder die freundliche aber definierte Rundung einer Kante. Erst wenn es nicht tut was es soll, wird man sich des Werkzeugs wieder bewusst, es ruft sich ins Bewusstsein - und oft lediglich nach einem frischen Schliff. Wieder rasiermesserscharf ermöglicht solch ein Werkzeug, das gur in der Hand liegt, einen fast unmerklichen Dialog zwischen Hand und Holz. Aus diesem Grund mache ich viele meiner Werkzeuge selbst - spezifisch für meine Hände und den jeweiligen Einsatzzweck. Auch Maschinen können fein "gestimmt" werden und sie haben einen wichtigen Platz in meinem Arbeitsfluss. Sie helfen mir mit dem groben Zurichten der Teile und lassen so genügend Energie und Geduld für die feineren Arbeiten und Details, in denen die Hände ihr Potential ausspielen können. Denn gerade die Hände sind aus dem Arbeitsablauf der Maschine (aus gutem Grund) weitgehend entfernt. Und wie jede Oberfläche die Spuren ihrer Entstehung trägt, so auch die maschinell bearbeitete die der Maschine: monoton, streng und ausdruckslos. Das ist der Grund warum ich alle Oberflächen von Hand nachbearbeite, die meisten der Holzverbindungen von Hand geschnitten sind: nicht nur sind sie langlebig und optisch interessanter, sie verändern auch die Erscheinung und Ausstrahlung des Möbels selber. Es wird etwas persönliches, ein Teil des täglichen Lebens der beruhigt ohne zu langweilen, der schön ist ohne aufdringlich und laut, nützlich ohne einfallslos zu sein. Die "Fingerabdrücke" und Werkzeugspuren des Erbauers können zu dieser ruhigen Schönheit beitragen - in einer Weise wie es maschinengemachte Dinge nicht können.

Das Holz

Ich arbeite hauptsächlich mit einheimischen Harthölzern wie Eiche, Ahorn, Esche oder Obsthölzern. Einiges davon habe ich selber einschneiden lassen und getrocknet. Es ist aufregend und erfüllend, am ganzen Prozess, vom Baum bis zum fertigen Möbelstück, teilzuhaben. Und es erinnert immer wieder daran, dass Holz ein lebendiges Material ist und bleibt. Ein Material, das jeweils Anforderungen stellt, an Konstruktion, Abmessungen und das Design. Diesen Anforderungen versuche ich gerecht zu werden und gerade darin liegt für mich der große Reiz des Materials. Die Mannigfaltigkeit und Einzigartigkeit der Bäume, selbst innerhalb einer Baumart, ist unglaublich. Je nach Alter, Klima und Standort ist so in unseren einheimischen Spezies ein Reichtum zu finden, der Wharton Eshrick sagen ließ (wenn auch auf Nordamerika gemünzt): sinnlos ein Schreiner zu sein für den, der sein Holz nicht im Garten hinter dem Haus findet. Und doch, mein Interesse gilt Holz im gesamten, und so verwende ich auch ab und an exotische- oder Edelhölzer. Diese sind eine Welt für sich, haben teils wenig mit der uns bekannten Holzstruktur gemeinsam und erinnern in Gewicht und Haptik eher an Stein oder Elfenbein. Ich verwende diese Hölzer für kleine Akzente und Details, für größere Oberflächen nur als (selber gesägtes) Furnier. Ich denke dass ein sorgfältiger und bewusster Umgang mit diesen Hölzern (mit gewissen Ausnahmen) helfen kann, ein Bewusstsein zu schaffen - für ein nachhaltiges und behutsames Arbeiten mit dem unglaublichen Reichtum der Natur aber auch für den rücksichtslosen Raubbau und Mißbrauch dieser Hölzer, der zur Rodung ganzer Landstriche führt.

Das Holz, die jeweilige Bohle ist immer der Beginn meiner Arbeit. Und oft findet sich das schönste Holz nur in kleinen Abmessungen, wird begleitet von Defekten, Rissen, oder ist schlicht nicht in beliebigen Mengen verfügbar. In den knappen Worten von James Krenov: schönes Holz wächst nicht auf Bäumen. Durch Furnier ist es möglich, edles Holz auf größere Abmessungen zu "strecken", ohne Einbußen in Qualität, Langlebigkeit oder der Optik eingehen zu müssen. Dennoch, keines meiner Stücke ist besonders groß. Es sind vielmehr Versuche, einem kostbaren und einmaligen Material gerecht zu werden. Das Ergebnis sind kleine, sorgfältig gearbeitete Möbel höchster Qualität, jedes einzigartig und besonders - in seinem Holz, seinen Proportionen und seinem späteren Nutzen.

Möbel

Mit dem Holz als Ausgangspunkt und durch die Hilfe meiner Hände und meiner Werkzeuge sind alle meine Möbel Einzelstücke, sie tragen meine Fingerabdrücke. Jedes einzelne ist das beste, was ich in diesem Moment zu leisten vermag - der Endpunkt einer Suche und gleichzeitig der Anfang der nächsten. Diese Suche nach Qualität, Schlichtheit und Klarheit im Ausdruck und der besten Funktion ist also meine eigene - und zugleich fühle ich mich damit etwas so viel größerem verpflichtet: ich sehe mich als Teil einer langen Tradition der Handwerkskunst, in der bewährte Techniken, Formen und Proportionen weitergegeben und zugleich verfeinert werden. In diesem Spannungsfeld zwischen individuellem Ausdruck und Tradition sehe ich meine Möbel und hoffe, dass sie so ihren Platz finden im gemeinsamen Raum von Kunst und Handwerk. Und auch in dem realen Raum, in dem sie stehen hoffe ich, dass sie die Qualitäten dieser beiden Welten in sich vereinen: Dass sie stille Ankerpunkte sind, zu denen das Auge auf der Suche nach Ruhe zurückkehrt. Unaufdringliche Objekte des Interesses, der Interaktion – und der Freude. Objekte die als Kunst die Atmosphäre in einem Raum verändern und dennoch einladen – zum Anfassen, Benutzen und Entdecken:

Türen, die sich mit einem leisen Schwung öffnen und mit dem bestimmten Geräusch des kleinen Hartholz-Riegels wieder schließen; Schubladen, die mühelos herausgleiten, jedoch im letzten Moment ein wenig „hängen“ und so vermeiden, dass sie herausfallen; Handgeschnittene Schwalbenschwanz-Zinken, schön und elegant aber auch solide und langlebig; Duftende Hölzer für Schubladenböden, die sowohl vor Insektenbefall schützen aber auch einen kleinen Moment des Innehaltens und Genießens erlauben; Eine Schubladenrückseite, so sorgfältig gearbeitet, wie die Vorderseite; Ein Stuhl, anmutig und zierlich, aber auch stabil und bequem; Kleine Knäufe und Griffe, die die Hand einladen und noch feine Spuren der Werkzeuge tragen, die sie geformt haben; Schimmernde, handgehobelte Oberflächen, nicht nur klarer in Farbe und Ausdruck als eine geschliffene Oberfläche, sondern auch widerstandsfähiger und langlebiger.

Ich baue meine Möbel in der Hoffnung, dass all diese kleinen Details Ihnen wichtig sind und auf Ihrem Weg zusammen mit einem meiner Möbel immer wieder begegnen werden: diese kleinen Momente der Überraschung, der Entdeckung und der kleinen Freude an einem leisen Kunstwerk des Alltags, einem Ort der Ruhe in unruhigen Zeiten.